19 Nov 10

sonja weckenmann

Hiervon gibt's viel zu wenig

Raimund Stecker, in:
Sonja Weckenmann, Papierarbeiten;
Ausstellungskatalog Museum Burg Wissem, Troisdorf;
hrsg. von SI Koeln-Roemerturm, 2003

foto: sw

Hiervon gibt's viel zu wenig

Klein - unspektakulär - nebenbei - gefunden, kaum gemacht - unprätentiös - fein - sensibel - gesehen, erkannt, einfach gezeigt - minutiös angeeignet - intuitiv vom Fundstück zum Gegenstand der Anschauung umgewidmet... Sonja Weckenmanns Kunst tritt nicht auf, bedarf nicht der großen Orchestrierung, sucht nicht das Scheinwerferlicht, sondern kommt daher, breitet sich aus im Kammermusiksaal und scheint auf.

Es handelt sich um Briefumschläge, denen ein Schnipsel fehlt, denen ein Schnitt nur angetan wurde oder dessen gerissenes Geöffnetwordensein als etwas Anzuschauendes erkannt wurde. Eine Klassenadressenliste wurde verbessert, mit weichem Bleistift bezeichnet, von ihren Alltagsgebrauchsspuren nicht gereinigt, zur besseren Handhabung geknickt und dann irgendwann als zu Exponierendes bewußt ihrer funktional-alltäglichen Kontextualität durch Rahmung entnommen. Nebenbei - so sieht es zumindest aus - nebenbei aquarellierte Farbformen lagern im Papierformat oder Unsicherheit im festen Strich offenbarende Lineamente.

Sicherheit, Selbstbewußtsein, Entschiedenheit... - diese gängigen Kriterien des Internationalen Kunstbetriebs als avantarde-globalisiertem gesellschaftlichen Teilbereich verbannt Sonja Weckenmann auf das Feld der Entscheidung: “rahmen oder nicht rahmen, ausstellen oder nicht ausstellen“. Der Zufall des Gemachtwordenseins geht in ihren kleinen Arbeiten einher mit dem dezidierten Prozess des Erkennens von Vorhandenem als etwas Anschauungswürdigem.

Fraglos spiegelt sich darin das höchste Sensibilität trainierende Ausbildungsprogramm ihres Lehrers Gunther Keusen wider, fraglos aber auch sollten Positionen zum Vergleich nicht außeracht gelassen werden, die dieses Tun kunsthistorisch rückbinden. Die automatistischen, oft unter Drogeneinfluß in Trance entstandenen Zeichnungen André Massons dürfen hier nicht unerwähnt bleiben wie auch die grandiosen Petitessen von Richard Tuttle. Nicht sind Sonja Weckenmann gerahmte Stücke diesen offensichtlich ähnlich, wohl aber unterliegt ihnen eine nicht unverwandte Denkungsart.

Auch gilt es die Präsentation ihrer Arbeiten zu beachten, scheidet sich doch mehr und mehr im Zeitalter des "Ausstellungskünstlers" (Oskar Bätschmann) auf diesem Gebiet das Primat des produktiven Machens von dem des produktiven Erkennens und Zeigens. Stephan Mallarmes “Würfelspiel“ steht hier sinnfällig, wenn auch nicht unbedingt gewußt, Pate. Der Leser muß / darf / kann bei Mallarme die Reihenfolge der konstellierten (diesem Wort liegt der Begriff “Stern“ zugrunde, die Simultanität des firmamentartig nicht folgerichtig Gereihten muß mithin mitgedacht werden) Worte selber für sich festlegen.

Der Ausstellungsbesucher der Ausstellung Sonja Weckenmanns in der Kunstakademie Münster mußte vergleichbar eigenverantwortlich sich Arbeit für Arbeit vergegenwärtigen, durfte von Arbeit zu Arbeit Sinnzusammenhänge auffinden und konnte sich so seinen Gesamtzusammenhang selber schaffen. So gesehen stellt Sonja Weckenmann uns so vor ihre Arbeiten, wie sie vor ihrem zu Erkennenden, zu Zeigendem, zu Präsentierendem steht. Läßt man sich auf diesen sensiblen Weg mit offenen Augen nicht ein, bleibt alles nur Alles. Läßt man sich darauf ein, merkt man, daß es davon zuwenig gibt.

Raimund Stecker, 2003

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